come - give kids a chance
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Gänseblümchen Fridolin

Dank seiner Phantasie ist es nicht

lange allein

 

 

Es war lange dunkel – ganz lange. Und es, das Gänseblümchen, hatte wohl die ganze Zeit geschlafen. Jetzt ist es aufgewacht. Kein Wunder, es ist ja auch hell, richtig sonnig, fast schon ein bisschen zu sonnig, fast schon heiß.

 

Fünf – sechs Zentimeter ist es groß. Gewachsen mit dieser Wucht von jetzt auf gleich. So, hallo hoppla, hier bin ich. Rund um seinen gelben Kopf sind kleine, weiße Blütenblätter - sieht aus wie eine Hutkrempe und in der Mitte ist gelber, weicher Blütenstaub – ein richtiges Gänseblümchen eben.

Es schaut sich um. Wo sind all die anderen? Ist es etwa allein? Wachsen Gänseblümchen – denn dass es ein Gänseblümchen ist, weiß es – etwa nicht in seiner Nähe? Dass ein großer Sturm war in der Nacht, als die Gänseblümchensamen auf die Erde kamen, weiß es nicht – keine Erinnerung. Gänseblümchensamen haben wohl keine Erinnerung, nehmen noch nichts richtig wahr…

Jetzt aber, wo es sehen, riechen, schmecken, hören kann, ist keiner da. Kein weiteres Gänseblümchen weit und breit.

Macht nichts – denkt sich das Gänseblümchen, dann warte ich halt. Irgendwann wird schon eins aus der Erde kommen…

   

Erst Wüste und dunkle Nacht – ein Gänseblümchen erwacht. Allein, keiner da.

Es fängt an sich um sich selbst zu kümmern und stellt fest, es hat überhaupt keinen Namen. Einen Namen will es aber sofort haben. Einen schönen, langen, wohlklingenden Namen.

So viele Namen kennt es gar nicht – es ist ja erst kurz auf der Welt und hat noch gar keinen Namen gehört – noch kein Wesen gesehen, das einen Namen trägt oder ihm sagen kann, was es für Namen gibt..

Es seufzt – und in diesem Moment fällt ihm wie aus dem Nichts ein Name ein –

FRIDOLIN. Fridolin – fragt es sich. Ist das ein guter Name für ein Gänseblümchen?

Ja, länger das Gänseblümchen über den Namen Fridolin nachdenkt, desto stimmiger findet es ihn…

Okay – ab sofort heißt es also Fridolin.Gänseblümchen Fridolin…

 

Das Gänseblümchen freut sich. Ganz allein hat es so einen schönen Namen für sich gefunden. 

Und das Gänseblümchen – jetzt mit Namen Fridolin – hat schon eine neue Idee. Fridolin will für jeden Buchstaben seines Namens ein Wort finden - F - R - I - D - O - L - I - N

 

 

F                      R                       I        

Friede              Ruhe                 Ich

 

 

D                     O                 

Du                   Ordnung

 

 

L                      I                         N

Liebe               Individuum         Natur

 

 

Schöne Worte – hat er gefunden, findet Fridolin. Er ist nun richtig stolz auf sich. Schönes Spiel – schöne Worte…

Jetzt will er sich jedes seiner neuen Wörter mal genau anschauen – hören, wie sie klingen, sehen, ob sie sich irgendwie anfühlen…

 

FRIEDE –

Erst kurz auf dieser Welt, noch dazu alleine und dennoch ist Fridolin sofort klar, dass Friede mit das Größte ist, was er sich da als sein Wort für F ausgesucht hatte. FRIEDE – keine Kriege – nirgendwo auf der Welt!

 

RUHE –

Hier in der Wüste, so allein, ist es Fridolin ja fast zu ruhig. Aber irgendwie ist diese RUHE hier auch sehr angenehm – tut ihm gut!

 

Fridolin kommt zum I und zu seinem Wort ICH.

Ich, sagt er vorsichtig, das bin ich… Ich bin Fridolin. Ich bin ein Gänseblümchen. Ich bin alleine in der Wüste. Ich habe mir ein Spiel ausgedacht und jetzt habe ich einen Namen. Ich bin Ich. So über sich nachzudenken, gibt ihm Kraft.

 

Dennoch merkt er in diesem Moment schmerzlich, dass er alleine ist - mit seinen neuen Wörtern zwar und seinen Ideen. Ein bisschen traurig schaut Fridolin weit in die Wüste vor ihm… und da fällt es ihm wie Schuppen von den Augen.

Direkt hinter dem Ich für das I hat er – also das

Gänseblümchen – sich ja DU für das D ausgedacht…

 

DU sagt Fridolin vorsichtig und schaut in die Nachmittagswüstensonne. Du sagt er und blickt auf den Sand. Da gibt es zwar etwas außer ihm, aber Sonne und Sand das ist nicht DU.

Ein anderes Gänseblümchen das ist ein Du. Ein Gänseblümchen, das seine Sprache spricht oder zumindest eine, die er lernen kann…

 

Aber da ist kein Gänseblümchen.

Nein, jetzt nicht traurig werden, denkt sich Fridolin. Ich habe ja noch vier schöne Wörter.

 

Für das O ist ihm Ordnung eingefallen. Fridolin weiß instinktiv, dass da nicht seine Stärken liegen. Chaos würde da schon besser zu ihm passen. Aber Fridolin hat kein C im Namen… Schade. Aber ohne eine gewisse Ordnung – ihm war trotz seines jungen Alters der Begriff Weltordnung schon ein Begriff - war Leben auf diesem Planeten wohl auch nicht möglich…

 

Dennoch ist Fridolin nun froh zu seinem nächsten schönen

Wort zu kommen. Liebe. Das fühlt sich schon beim nur

an das Wort denken wie Himbeereis an. Essen

Gänseblümchen Himbeereis? Egal – Fridolin ist ja auch kein normales Gänseblümchen… Liebe denkt er noch mal und spricht es nun auch aus. Liebe, das gibt ihm ein gutes Gefühl – ist ja auch ein gutes Gefühl…

Liebe – dieses Wort gibt ihm Zuversicht!

 

Auf zum nächsten Wort. Individuum. Gar nicht so einfach. Da denkt Fridolin jetzt länger drüber nach. Das hat was von Philosophie-Kurs für Anfänger. Wer bin ich und wer bist dann du? Ich bin ich und du bis du! Ich liebe dich und könnte von morgens bis abends mit dir zusammen sein, alles machen, was du machst, alles essen, was du isst, sein wie du – Nein, gerade das nicht, sagte Fridolins Verstand. Individuum sein, ist einzigartig sein und einzigartig ist was super Schönes!

 

Nur noch ein Wort – noch ein schönes Wort ist übrig.

Natur für das N in Fridolin.

Natur – das ist doch alles um uns rum, denkt Fridolin. Alles außer Häuser, Autobahnen, Flugplätzen, Atomkraftwerken, Müllhalden…

Und dann kommt ihm in den Sinn, was man alles in der freien Natur machen kann. Inzwischen ist die Natur ja immer kleiner geworden, so dass freie Natur irgendwie nach mehr klingt.

Also in der freien Natur kann man laufen, liegen, zelten, schlafen, singen, Fahrrad fahren, es sich einfach nur gut gehen lassen – allein oder mit Freunden…

 

Diesen Gedanken hat Fridolin noch nicht zu Ende gedacht. Mittendrin ist er eingeschlafen. Dank seiner schönen Wort-Spiele hat er gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht und dass es inzwischen schon dunkel geworden ist.

Jetzt hat er die kleinen, weißen Blütenblätter zu einem kleinen Dach zusammengeklappt und schläft tief und fest... und träumt den ganzen Tag noch einmal nach.

Etwas aber ist anders. In seinem Traum sind auch andere Gänseblümchen, Bienen, Käfer, Blumen, Pflanzen, Bäume, Kinder, und, und, und. Er hört sie summen und brummen – hört Kinder lachen, sogar von irgendwoher leise Musik, hört Tannenzapfen auf den Boden fallen…

 

Von diesem Geräusch wird Fridolin wach. Er traut seinen Augen nicht. Alles, was er im Traum gesehen, ist Wirklichkeit. Es ist so schön – schöner geht nicht, denkt Fridolin.

Schöner geht immer. Vor ihm steht auf einmal das hübscheste Gänseblümchen das er sich nur vorstellen konnte… er ist hin und weg.

Das Gänseblümchen hat allerdings noch keinen Namen…

Gemeinsam suchen die Beiden nun einen schönen Namen.

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© Cornelia Merkel