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Die Höllhäusel-Kinder

Die schönste aller Kindheiten -

28. Mai ist Weltspieltag...

 

Was heute auf dem Höllhäusel passiert, weiß ich nicht. Auch nicht, warum das Höllhäusel überhaupt Höllhäusel heißt. Im Schwarzwald spielten Hexen, Teufel und Hölle schon immer eine Rolle…

da gibt es Hexentäler oder Höllentäler…

 

Ich kann erzählen, was da früher so los war, als ich auf dem Höllhäusel gelebt habe, als wir Kinder waren…

wir die Höllhäusel-Bande.

Auf dem Höllhäusel hat es immer Höllhäusel-Banden gegeben. Wohl auch schon Anfang des vorigen Jahrhunderts, zu der Zeit, als unser Großvater das Haus oben auf dem Berg gebaut hat.

Er war jetzt wohl weniger in einer Bande – aber unser Vater und seine Geschwister, meine älteren Schwestern – jeder hatte da oben auf dem Berg so seine Freunde gehabt und seine Geschichten erlebt…

Ich erzähle jetzt meine Geschichten…

 

Das Höllhäusel ist ein kleiner Berg in Geroldsau in Baden-Baden. Und Geroldsau ist das letzte Dorf, der letzte Stadtteil, der an der B 500 liegt, auf dem Weg in den Schwarzwald. Statt dass man unten am Bach entlang durch das Dorf – eine Kollegin hat mal gesagt, Geroldsau sei ein Bach-Dorf, denn die Häuser seien ja nur links und rechts am Bach entlang gebaut, also statt dass man unten am Bach entlang fährt, kann man, da wo früher eine kleine Bäckerei war - gegenüber dem Sägewerk - den Berg hoch fahren – den Höllhäuserweg – nur für Anlieger versteht sich…

 

Gleich wieder links kommt man zu Fuß auf einem Natur-Weg in die Ibbelsbach. Ibbelsbach steht wohl für übler Bach. Vielleicht weil der Bach hin und wieder auch viel Wasser hat, was aber nicht so dramatisch ist, weil er sich durch eine große Wiese schlängelt… das Ganze drum herum – Bach, Wiese, Wege das ist die Ibbelsbach…

Hier unten ging ein Höllhäusler aber selten in die Ibbelsbach – hier unten war man ja noch in Lichtental. Und die Höllhäusler und die Lichtentäler waren sich nicht so grün. Ganz im Gegenteil, wenn Höllhäusler und Lichtentäler an der falschen Stelle aufeinandertrafen, dann haben die sich schon mal gekloppt.

Wenn man den Höllhäuserweg in etwa zur Hälfte nach oben gefahren ist, kommt man kurz vor dem Großen Platz an einem Steinkreuz vorbei – das war die Grenze. Wenn ein Lichtentäler seinen Fuß über diese Grenze setzte, dann konnte es Ärger geben.

Wir Höllhäusler mussten nicht über diese Grenze. Wir konnten den Berg über den Schmiegrankweg runter zum Bus oder über den Heschmattweg an der Kapelle vorbei in den Ort. Oder mit Mama oder Papa im Auto ganz einfach an den Lichtentälern vorbei. Das ging auch. Vom Großen Platz gehen vier Straßen ab und ein Weg in die Ibbelsbach.

Alle zwei Jahre schmückten die Katholiken im Ort - weiß nicht, ob die das heute immer noch tun - bin schon zu lange weg - damals jedenfalls schmückten sie den Großen Platz an Fronleichnam mit einem Altar und einem riesigen Blumenteppich. Damals gab es in Geroldsau fast nur Katholiken. Als Helferin in der Katholischen Kirche – damals durften ja nur Jungens Ministranten werden – ich als Mädel also Helferin, waren wir Stunden unterwegs um Blumen zu finden, mit denen die Blumenteppiche dann „gewebt“ oder gelegt wurden.

Am Großen Platz war eine Sitzbank – ein guter Treffpunkt. Wir haben uns aber selten da getroffen, wir hatten unseren Treffpunkt im Wald - im sogenannten Wäldele.

Wald gibt es hier überall - wir sind ja im Nordschwarzwald. Hier oben auf dem Höllhäusel gab es aber das Wäldele… und das Wäldele hieß schon immer Wäldele. Wenn man den Eltern sagte, ich bin im Wäldele, dann wussten sie Bescheid. Alle Eltern konnten mit Wäldele etwas anfangen. Das Wäldele hatte klare Grenzen. Links vom letzten Haus am Herrenacker ging es bis oben bis zur Holzhütte und dann bis bis zum Bunkerweg…

Wir sind im Wäldele hieß – wir sind innerhalb dieser Grenzen. Manchmal sagten die Eltern noch – aber nur im Wäldele – und wir sagten - nur im Wäldele – waren dann aber irgendwo im Wald, was dann der große schwarze Wald – also der Schwarzwald war.

Das Wäldele war schon spannend – ein Mischwald mit vielen Eichenbäumen und riesigen Kiefernbäumen – wir  nannten sie Forle, was auch immer das wieder bedeutete… da standen aber auch Buchen und Fichten und mittendrin – in der Nähe der Straße war ein Bunker - oder eher die Überreste eines Bunkers.

Welche Rolle der im Zweiten Weltkrieg gespielt hat, war uns nicht klar. Dieser Bunker hatte kein Dach, war nicht unter der Erde, die Wände etwa 2,50 hoch oder höher… man konnte wunderbar außen rumrennen und Bunkerfang spielen – in die eine Richtung rennen und schreien, wenn die Richtung vom Fänger oder den dann Gejagten geändert wurde. Mit etwas turnerischem Geschick – wir Kinder waren ja fast alle im Turnverein – konnte man an den rostigen großen, alten Schrauben, deren Spitzen in unterschiedlichen Höhen innen an den Bunkerwänden rauskamen hochklettern - oben bekam das Spiel Bunkerfang auf einmal eine ganz andere Dimension… die Wände dürften dort oben etwa 20 cm breit gewesen sein – und so alle paar Meter fehlte was in der Mauer von der Breite eines Balken – vielleicht waren da ja mal Balken drin – also es war schon ganz schön schwer, nur da oben rumzulaufen. Dabei aber auch noch Fangen zu spielen, das war nicht ungefährlich… ich habe nur unten Bunkerfang mitgespielt… bin schon mutig, aber anders mutig – nicht verwegen…

Bei Räuber und Gendarm war ich meist in der Räubermannschaft – zusammen mit meinem Bruder… bisschen Vorlauf – die Räuber rennen davon, verstecken sich, die Gendarmen müssen sie finden, fangen…

Ich war klein und schmächtig und konnte irre gut klettern… also kletterte ich in die Krone einer Eiche, wo sich kein anderer rauf traute… Punkt für die Räuber… immer und immer wieder kletterte ich auf diesen Baum und immer und immer wieder siegten so die Räuber…

Ein weiteres Lieblingsspiel im Wäldele war Bibbelesschlacht. Zwei Mannschaften sammeln eine Weile Bibbele, so viele sie finden können. Bibbele sind die kleinen Zapfen der hohen Kiefernbäume, der Waldkiefer, also der Forle (regionale Bezeichnung für Kiefer Red Pine Redwood). Die kleinen Kiefern- oder Forle-Zapfen sehen aus wie kleine Küken und kleine Küken heißen im Badischen, im Alemannischen Bibbele.

 

Es gibt hier zu Land auch den Bibbeles-Käs… warum der so heißt? Vielleicht, weil er ausschaut, als hätte ein kleines Huhn – also ein Bibbele – ihn zerrupft…

 

Nun aber weiter mit der Bibbeles-Schlacht oder den Vorbereitungen dazu –

Also, wenn dann ausreichend Bibbele gesammelt waren, ging es los. Beide Mannschaften bewarfen sich so lange wie Bibbeles-Material da war… gab manchmal viel Wut und auch Geschrei / Geheul…

Wäre heute aber nicht mehr möglich, weil Lothar, der Orkan von 1999, das Wäldele komplett platt gemacht hat – und komischerweise standen nur in diesem Stück Wald die hohen Kiefern, die Forle...  

Lothar hat ja viel kaputt gemacht – oben im Schwarzwald gibt es extra den Lothar-Pfad, damit man sehen kann – vorher – jetzt – wie sich der Wald erholt, aber ganz anders ausschaut, als davor…

Einer der Waldhügel / Waldberge vor unseres Großvaters Haus sah aus, als hätte ein riesiger Rasenmäher oder ein gigantischer Rasierapparat alle Bäume abgemäht / abrasiert, so dass nur noch die Bartstoppeln / Baumstoppeln übrig geblieben sind…

Dass Lothar aber unser heißgeliebtes Wäldele niedergemacht hat, das habe ich ihm nicht verziehen… war da überhaupt noch ein einziger Baum in diesem so klar abgesteckten Areal stehen geblieben?

In der Erinnerung gibt es sie noch die Bäume, die uns Kindern Schutz, Spielraum, einfach Kindheit boten…

Das Höllhäusel, das Wäldele, die Ibbelsbach, der Bunkerweg, der Hexenweg, etc… ein magischer Ort, der uns allen so viel bedeutet hat –

Aber nicht nur Lothar hat Spuren hinterlassen an den Orten unserer Kindheit. Heute stehen viele neue Häuser, wo früher Wiesen und Bäume standen…         

Bis zum Nussbaum - war eine klare Ansage – auch da wusste jeder von uns Bescheid… rechts von der schmalen Straße stand der Nussbaum, mit dem jeder von uns groß geworden ist und gegenüber auf der Wiese in der Senke stand ein Apfelbaum… da konnte man wunderbar die Blechdosen-Armee von der Augsburger Puppenkiste nachmachen und Schepper-depper-roll-mäßig den Berg hinunter rollen – aufpassen wegen dem Apfelbaum – einfach oben an den Rand legen – Augen zu und runter – Alf, der Dalmatiner, der Hund eines Freundes kam mir in die Quere und ich irgendwie zu schnell ins Tal. Ich hatte eine Gehirnerschütterung – war schon meine Zweite. Ich war völlig benommen und wollte in die falsche Richtung laufen. Mein Bruder und sein Freund brachten mich nach Hause. Drei Tage im Bett im dunklen Zimmer liegen waren angesagt...

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© Cornelia Merkel