come - give kids a chance
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Hänger fahren

Schnee nicht nur zur Weihnachtszeit

 

Wir haben einen roten Roller mit Fußbremse und richtig dicken beigefarbenen Gummireifen und wir haben ein kleines dunkelgrünes Fahrrad auch mit diesen kleinen Gummireifen, um das uns alle beneiden. Beide – Roller

und Fahrrad – wurden sogar mal geklaut. Aber die Polizei hat sie wieder gefunden, weil sie so auffällig waren.

Glück gehabt.

Auf dem kleinen grünen Fahrrad haben wir alle Fahrrad fahren gelernt. Meine älteren Schwestern, mein Bruder und dann ich. Erst kamen Stützräder dran. Das Fahren war so ein einziges Gewackel. Und schon nach ein paar Tagen kamen sie wieder ab.

Wenn ich das mit dem Gleichgewicht heute hinkriege,

darf ich ab sofort ohne Stützräder fahren. Alle Familienmitglieder versammeln sich vor dem Haus. Ich

sitze ein bisschen aufgeregt auf dem Fahrrad. Papa beugt sich weit nach vorne und hält das Fahrrad fest.

Los geht es, feste in die Pedale treten, schneller und schneller, es kann ja nichts passieren, Papa hält mich,

Papa hält das Fahrrad. So klappt es wunderbar.

Ich singe irgendetwas von Fahrrad fahren und Papa hält,

da drehe ich meinen Kopf leicht über die Schulter und

sehe, Papa hält mich, das Rad gar nicht mehr.

Hey, es geht von ganz allein, ich kann es schon ganz allein… große Freude bei mir und beim ganzen Clan.

Ich halte an, drehe das Fahrrad um fahre zurück zu

unserem Haus. Stolz wie Bolle fahre ich noch ein

bisschen hin und her.

 

Pünktlich zur Einschulung habe ich meine erste Fahrradprüfung geschafft und darf vom ersten – okay vom zweiten Schultag an mit dem Fahrrad zur Grundschule Geroldsau fahren. Ganz schön weiter Weg, erst an

Wiesen und Obstbäumen vorbei, dann durch ein kleines Waldstück, unten links der Graben mit Wasser vom Grobbach, der als Zulauf zum Sägewerk dient, an der Kapelle und am „Tarzanbaum“ vorbei. Jetzt über die

Brücke, die über den Grobbach mit seinen riesigen

Steinen führt, die Straße queren, an der Kirche vorbei,

am Kindergarten, am Lädchen, dem Gasthaus zum Hirsch,

am alten Kindergarten, am Frisör meines Grauens und

dann bin ich da. Brauche ungefähr elf Minuten. Wenn ich

mit meinem Bruder zusammen fahre, bin ich bisschen schneller. Der fährt pünktlich los und ohne Unterbrechung zügig zur Schule. Meist ist er schon beim Fahrrad,

während Mama noch versucht, mir Zöpfe zu flechten, die parallel am Kopf sitzen, was nicht so einfach ist, da ich ständig rumzappele. Dann ruft mein Bruder einmal nach

mir und gleich danach, dass er jetzt losfährt, dass er nicht wegen mir zu spät kommen will.

Naja, ich bin ja schon groß, ein richtiges I-Dötzchen,

gelbes Kopftuch auf und ab in Richtung Schule. Wenn es

da nur nicht immer so viel zu gucken gäbe… wäre ich

Pippi Langstrumpf würde ich jetzt mit meinem Pferd „kleiner Onkel“ zur Schule reiten. So ist mein Fahrrad mein Pferd und das Äffchen „Herr Nilsson“ denke ich mir dazu. So

lässt es sich gut träumen auf dem „Ritt“ zur ersten Stunde.
Ich komme pünktlich. Was mir durchaus auch im Winter gelingt. Und das waren Winter. Da kam kein Schneepflug hoch auf den Berg. Da wurde eine Gasse den Schmiegranweg runter geräumt. Die Leute mussten ja

vom Höllhäusel runter zum Bus und dann irgendwo in der Stadt zur Schule oder zur Arbeit.

Der kürzere Weg durch den Wald zur Grundschule im Ort war in solchen Wintern von den Eltern verboten – ich

glaube mein Bruder hat das trotzdem gemacht. Ich bin

also den Umweg über den steilen Schmiegranweg. Klein

wie ich mit meinen sechs Jahren noch war, war ich nur ein bisschen größer als die Schneewände, die sie links und rechts der Gasse aufgebaut haben. Bei den großen Schneeflocken und dem Wind, konnte Mama, die Morgen

für Morgen am Wohnzimmerfenster stand und schaute,

wie ihre Kinder, den Weg zur Schule finden, mich kaum sehen. Sie sah nur eine bunte Wollmütze, die sich durch

die Schneeflocken und den Schnee bewegte.

Kamen wir Kinder in Wintern, in denen es schneite, was

das Zeug hielt, überhaupt pünktlich zur ersten Stunde an? Ich denke mal ja. Jahrelanges Training von Geschwistern und Eltern.

Und es ist doch so himmlisch zwischen all den dicken Schneeflocken, die natürlich keine andere als Frau Holle und die spätere Goldmarie aus den Fenstern schütteln,

auf dem unter den Schuhen knirschenden Schnee zu

laufen. Und man konnte sich darauf freuen, nach der

Schule Schlitten oder Hänger oder Ski zu fahren oder den ersten Sprung auf der selbst gemachten Mini-Schneeschanze zu versuchen. 

 

Hänger fahren war nicht ganz ungefährlich – aber Hänger fahren war so die Achterbahn unserer Winter-Kindheit. Alle Mann stapfen mit ihren Schlitten so weit den verschneiten Herrenackerweg, den Wald hoch, bis dem einen oder anderen schon ein wenig der Mut schwindet. Nun die Schlitten alle hintereinander stellen – leicht verkeilen, dass sie nicht losfahren und dann legt sich jeder bäuchlings auf seinen Schlitten und hängt sich mit den Füßen vorne am Schlitten des Hintermannes ein.

Auf dem ersten Schlitten liegt der Mutigste oder der mit der größten Klappe. Die die dann kommen müssen beweglich sein und vorrauschschauend fahren und auf ihre Unterschenkel und Knöchel aufpassen, mit denen sie ja

den nächsten Schlitten binden. Wenn einer nicht aufpasst, kann der ganze Hänger kippen.

Als Mädel hat man hin und wieder das Glück, dass man

auf dem letzten Schlitten einfach nur drauf sitzen darf und sich an der Geschwindigkeit freuen darf, mit der so ein Hänger - erst einmal in Fahrt gekommen – unterwegs ist. Oder Mädels dürfen sich mit ihrem Schlitten am Schluss

des Hängers einhängen. Da hat man nicht so viel Verantwortung, aber die Bewegungen von vorne werden

wie die Bewegungen einer Schlange nach hintern weiter gegeben.      

 

Was für ein Glück, dass es auf dem Höllhäusel immer Kinder in allen Altersgruppen gibt und dass sich ratz fatz

die zusammenfinden, denen der Sinn nach Hänger fahren steht.

Schneemänner werden natürlich auch in jedem Garten

oder auf Wiesen gebaut. Richtig große Schneemänner,

die es schaffen, auch einen Winter lang zu leben…

 

Wenn der Schnee richtig schön frisch ist, dürfen wir uns Schneeeis machen. In eine kleine Schüssel füllen wir frischen Schnee, machen ein bisschen Zucker drauf und schmecken mit Dosenmilch ab – lecker! Würde ich heute nicht mehr machen – wer weiß, was der Schnee an Schadstoffen aus der Luft mit auf die Erde bringt…  

 

Was aber immer geht, wenn es richtig gut geschneit hat, also richtig viel Schnee liegt, Strümpfe aus und barfüßig durch den frischen Schnee. Wir gehen im Neuschnee

immer ein paar Runden auf dem „Wäschplatz“ hinter Papa her. Sieht ein bisschen aus wie Storch im Salat. Denn ist

der eine Fuß raus aus der Kälte, ist der andere ja noch richtig drin im weichen, kalten Schnee. Nun aber ganz schnell wieder rein in die gute warme Stube und mit dem Handtuch, das Mama bereithält, die Füße trocken und

warm rubbeln. Das härtet nicht nur ab, das macht auch Riesen Spaß. Wer von uns hält länger durch? Dass keiner übertreibt, da passen die Eltern schon auf…

 

Als wir schon ein bisschen älter sind, nimmt Papa uns - die drei Jüngsten – ein / zwei Mal die Woche mit auf die Höhe zum Flutlicht Skifahren. Meist Unterstmatt und da dann der rechte Hang. Der ist oben schmaler, steiler und ganz

einfach anspruchsvoller. Mein Bruder und meine kleine Schwester fahren raus aus dem Lift sofort im Schuss den Berg runter – keine Angst vor Geschwindigkeit und keine Angst vor dem Gefälle. Ich fahre dagegen – vorbildlich – Kurve für Kurve – ganz einfach, weil mir der Mut zu dem fehlt, was die beiden machen. Bin ich noch irgendwo auf dem Hang, sind die beiden schon wieder am

Knipshäuschen durch und greifen sich schon den Bügel

des Schleppliftes. Bin ich dann unten, fahre ich alleine mit dem Lift. Keine Angst, einfach nur den Bügel greifen, gut festhalten und richtig in der Mitte gegen den Bügel drücken und oben dann den Bügel loslassen, auf die Seite schieben und raus.

Nur ab und an ist ein Bügel mit einem heftigeren Zug dabei. Und da kann es schon mal passieren, dass so ein kleines, schmales Mädel nach oben gezogen wird. Nicht wirklich schlimm, man muss nur laut brüllen, alle anderen schreien auch, so dass der Mann, der unten beim Einsteigen in die Bügel hilft sieht, was da mit dem Schlepplift passiert ist. Dann stellt er den Motor ab und das Stahlseil, das den

Bügel hält, gibt nach und der Bügel und ich kommen so wieder auf den Boden, es kommt wieder Schnee unter die Skier. Der Mann vom Lift nimmt dann insgesamt den Zug etwas raus. Wir kommen einen Tick später oben an, was aber kaum einer merkt.

Aber Kinder mit Fliegengewicht kommen so abends auch in den Genuss des Flutlichtfahrens. Papa kennt den Liftbetreiber. Er setzt sich immer mal, wenn Not am Mann ist, für eine Weile in das Häuschen und knipst Karten ab. Hat den Vorteil, dass wir immer mal wieder einfach so durchrauschen können und schon wieder am Bügel hängen, bzw. uns nach oben ziehen lassen zur nächsten Talfahrt…  

 

 

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© Cornelia Merkel