come - give kids a chance
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Hans bringt Glück

eine Geschichte aus meiner Kindheit

 

 

Ich fahre sehr früh los. Für meine Verhältnisse - mehr als rechtzeitig… ich habe Angst vor der Fahrt, Angst vor meinen Gefühlen während der Fahrt und Angst es nicht zu schaffen, Angst es nicht rechtzeitig zu schaffen. Mama hat immer wieder gesagt, ich soll nicht immer auf den letzten Drücker kommen.

In Trauerkleidung ins Auto und ab auf die Autobahn… normalerweise ist die Strecke Frankfurt - Baden-Baden in knapp zwei Stunden zu schaffen. Heute plane ich dafür drei Stunden ein und das ist gut so. Eine halbe Stunde hinter Frankfurt muss ich raus auf einen Parkplatz, weil es mich vor Heulen so schüttelt, dass ich denke, besser mal anhalten… und rauslassen, was seinen Weg finden will und muss… Schmerz, Schluchzen. Es dauert wenige Minuten, dann schöpfe ich aus diesem Schmerz wieder Kraft zum Weiterfahren… wie viele Parkplätze ich auch brauchen sollte, die Zeit müsste reichen…

Doch ich komme ohne eine weitere Unterbrechung am Friedhof an…     

 

Als erstes nehme ich die Vögel auf dem Friedhof wahr… ist offensichtlich auch für sie ein Ort der Ruhe. Und dann sehe ich sie, das heißt, ich sehe ihren Sarg in der Trauerkapelle. Ich bleibe draußen. Reingehen wäre falsch, sagt mir mein Gefühl. Da kommt der Bestatter auf mich zu, sagt, sind sie die Cornelia? – Ja – Dann waren wir zusammen in der Schule, in der Grundschule. Ich bin der Hans. Ja klar, ich erinnere mich.

Hans sagt, als er die Todesanzeige in der Zeitung gesehen und meinen Namen gelesen habe, da hätte er sich an eine Geschichte aus unserer Schulzeit erinnert. Sein Vater hatte damals einen VW-Käfer gekauft und als er das stolz in der Schule erzählt habe – da hätte sich die ganze Klasse kaputt gelacht. Da hätte ich mich hingestellt und gesagt, weiß nicht, was ihr lacht, ich finde VW-Käfer toll!

Da sei sofort Ruhe gewesen…

 

Was für eine schöne Geschichte! Ich drehe mich um in Richtung Sarg und denke  – hast du das auch gehört? Da komme ich am Tag meiner großen Trauer auf den Friedhof und treffe Hans, meinen Klassenkameraden aus der Grundschulzeit. Ich höre eine Geschichte, an die ich mich nicht mehr erinnert habe. Ich bin Hans so dankbar für diese Geschichte aus unserer Kindheit, dankbar für dieses

schöne Geschenk!

Wäre ich zu spät gekommen – wäre diese Geschichte für mich wohl für immer und ewig vergessen gewesen …

 

 

... ihre Geschichten, die sie uns erzählt hat, werde ich nie vergessen.

Frühmorgens die B 500 - die Schwarzwaldhochstraße - alle Mann im Auto rauf in den Schwarzwald, damit wir mal den  Sonnenaufgang über der Rheinebene sehen können - Vesperbrote, Saftschorle und Kaffee dabei ... hundemüde und wenig Lust auf dieses Familienabenteuer ... aber man hat als Kind ja keine Wahl ... noch bevor wir losfahren, sehen wir, dass der Wald - der ganze Schwarzwald  dampft - so weit das Auge reicht ... das sind die Hasen, die Kaffee kochen, hat sie uns dann erzählt ... wie schön ... die Vorstellung, dass da lauter Hasenmütter und Hasenväter und Hasenkinder frühstücken, irgendeiner hat vorher noch so richtig mit der Kaffeemühle  - wie die Großmutter vom Kasper aus "Räuber Hotzenplotz" - die Bohnen gemahlen. Und jetzt sitzen sie auf dem Waldboden oder in ihren Hasenstuben und der Kaffee dampft ...

wenn heute irgendwo der Wald nach ergiebigem Regen dampft, dann denke ich an sie und freue mich, dass ich weiß, dass auch hier die Hasen Kaffee kochen ...

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© Cornelia Merkel