come - give kids a chance
come - give kids a chance 

Völlig „nüchtern

kurz davor

 

Ohne irgendwelche Medikamente, ohne jegliches Trapez, völlig ohne Außenhülle fahren mein Freund und ich im Oktober 1995 mit dem Auto nach Umbrien in den Urlaub. Ich habe beim Durchfahren von Tunnel inzwischen so eine Panik, dass ich am liebsten die Augen zumachen würde, wenn wir in einen rein fahren.

Das Problem aber ist, ich fahre auch einen Teil der Strecke. Also

Luft anhalten, und abtauchen und an der anderen Seite wieder erleichtert auftauchen.

Auf dem Weg von Deutschland nach Italien wimmelt es nur so von Tunnel.

 

In Umbrien beim Häuschen im Wald angekommen, weit ab von jedweder Zivilisation schaffe ich es, uns sofort aus unserem Feriendomizil auszusperren. Vor lauter Aufregung und Angst, knalle ich die Haustür zu. Der Hausschlüssel ist drin - wir beide draußen.

Jetzt wird es sehr umständlich. Raus aus dem Wald, runter in den kleinen Ort, dort  eine Telefonkarte kaufen, in Deutschland bei der Besitzerin des Häuschens anrufen. Nach vielen Telefonaten kommt schließlich der italienische Verwalter zum Haus, Ersatzschlüssel dabei. Endlich können wir wieder rein ins Haus.

 

Tag für Tag nehmen meine irrationalen Ängste trotz Erholung hier im umbrischen Wald zu. Ausgemacht war, dass ich, wenn ich rauchen will, vor die Türe gehe. Draußen allein mit mir und meiner Zigarette höre ich zig Geräusche. Ich bin mir sicher, dass ich vor der Tür auf keinen Fall sicher bin. Also rauche ich den Rest der Zeit drinnen

vorm Kamin und blase den Rauch direkt in den Kamin.

Ich schlafe nicht gut...

 

Eines Morgens umhüllt der dicke, weiße Nebel das Haus. Ob er sich je wieder auflösen wird –

Und Panik hat mich in ihrem Griff…

Gefangen im Häuschen – rundherum nur Nebelsuppe…eingesperrt…

 

Doch auch ohne Nebel ist es dieses Mal in Bella Italia nur schwer auszuhalten…

Da sind zwei Skorpione, einer an der Schlafzimmerwand und einer

im Fensterrahmen – sie sind winzig klein, aber es sind Skorpione – angeblich nicht giftig.

In den „Verhaltensregeln für Gäste“ wird vor Vipern gewarnt und auf das Antivipern-Serum im Kühlschrank hingewiesen plus dem Rat, sofort einen Arzt anzurufen, wenn man von einer Viper gebissen wurde –

Vor lauter Angst werde ich krank…

 

Als mein Freund auch krank wird, beschließen wir zurück zu fahren. Wobei ich keinen einzigen Kilometer gefahren bin, so schlapp und müde war ich. Ich habe geschlafen und zwischendurch immer mal wieder kurz die Augen aufgemacht. Die Erkältung war nach ein paar Tagen wieder weg – Diese neue Angst, diese Panik aber blieb – wurde seit Oktober 95 zu meinem ständigen Begleiter.

 

Irgendwann breiteten sich Panikattacken flächendeckend über meinem Leben aus. Ich kriege Panik im Supermarkt – verdammt wo ist mein Freund schon wieder hin - Ich will hier raus, kriege keine Luft, muss auch ganz dringend auf Toilette – Durchfall…

Ich kann nicht weg, er hat gesagt, bleib mal kurz mit dem Einkaufswagen hier stehen. Ich bin gleich wieder da, will nur was gucken… ich habe Höllenqualen, bis er wieder da ist.

Hab ihm natürlich nichts von meiner Panik erzählt – hätte er doch ohnehin nicht verstanden. Hätte ihm nur unnötig Sorgen bereitet. ...

Dann auf einmal Panik in der Waschstraße, in Konferenzen....

Alles Panikattacken der Sorte Herzrasen, keine Luft kriegen, raus rennen wollen, etc....

 

Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal Panikattacken hatte,

die mit Menschen zu tun hatten – nun auch noch die so genannte soziale Phobie.

Als ich in Frankfurt einen Kollegen treffe, wir sind Essen, ein schöner Abend, doch als er mich zum Abschied küssen will, bin ich ganz schnell weg...

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© Cornelia Merkel