come - give kids a chance
come - give kids a chance 

Wenn ich eine Amsel wär

wer Geschwister hat, fällt nicht

aus dem Nest

Auf unserem Balkon in Wiesbaden haben Amseln ein Nest gebaut. Irgendwer sagt, das bringt Glück.

Wohl nicht für dieses kleine Amselkind, das fiepend unten am Boden sitzt. Alleine kommt es wohl nicht wieder rauf ins gemachte Nest. Die Amseleltern können es nicht nach oben tragen – und fliegen kann es noch nicht. Also nehmen wir einen Besenstil, befestigen daran eine Kehrschaufel und setzen die kleine Amsel da oben wieder rein. Ein paar Stunden später sitzt sie wieder klagend unten bei uns am Boden. Haben die da oben zu wenig Platz? Was machen die? Wieder die Besenstil-Kehrschaufel-Aktion. Kurze Zeit später ist der Vogel wieder auf dem Boden der Tatsachen. Schmeißen die ihn raus? Aber warum? Ist die kleine Amsel zu schwach? Füttern die Amseleltern nur die durch mit Überlebenschancen? Die Schwächeren fliegen raus?

Sollen wir aufhören, uns einzumischen in Mutter Natur?

Was sollen wir nur mit dem kleinen Piep Matz machen? Übers Balkongeländer im Hochparterre in den Garten werfen und ihn sich selbst oder den Katzen überlassen?

Ja, genau das machen wir - wenn auch schweren Herzens.

Was sind wir bloß für Rabeneltern?

 

Was sind Rabeneltern?

Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen, werden als Rabenmütter bezeichnet. Berufstätige Mütter werden

gerne als Rabenmütter bezeichnet, da sie sich angeblich

zu wenig um ihre Kinder kümmern.

Dabei sind Raben gar keine schlechten Eltern. Es sind die jungen Raben, die zu früh das Nest verlassen - noch, bevor sie fliegen können. Am Boden sind sie dann natürlich noch etwas unbeholfen. Dass sie das tun, ist ihre eigene Entscheidung – also ihr eigener Antrieb. Rabeneltern meinen es gut mit ihrem Nachwuchs. Sie füttern die bettelnden Jungen, schützen sie und warnen sie vor Feinden.

 

Als die anderen Amselkinder flügge sind, sind wir kurz

davor uns auf die Straße zu stellen und aufzupassen,

dass keines von ihnen überfahren wird. Die Kleinen

passen aber auch gar nicht gut auf sich auf bei ihren

ersten Flugversuchen über die Straße. Haben die denn

noch nie was von Autos gehört und Menschen, die selbst

in einer Tempo 30-Zone schneller als mit

30 Stundenkilometern unterwegs sind? Mann passt doch auf, da sind Amselkinder, die machen ihre ersten Flugstunden. Vielleicht hätten wir ihnen, fürsorglich wie wir waren, orangefarbene Kappen oder Kopftücher verpassen sollen. Wir sind schon putzig, wir Zwei – mein Freund und ich - bei dem Versuch unsere Amselkinder vor den

Gefahren einer Stadt zu retten…

 

 

Ich wollt ich wär ein Amselkind - nein, ich wollt ich wär ein Einzelkind, hab ich hin und wieder gedacht. Ist manchmal ganz schön nervig - so mit vier Geschwistern

aufzuwachsen, davon drei älter und nur eine jünger.

Immer alles teilen müssen. Fängt beim Essen an – wer kriegt das größere Stück und wer das kleinere – natürlich

die Kleinen. Wer weiß immer alles besser,

natürlich die Großen. Wer bestimmt? Auch die Großen…

Und dennoch – wäre ich eine Amsel – ich wäre schon früh aus dem Nest gefallen…

 

Ich bin klein und schmächtig und will partout nichts essen – schon gar kein gesundes Gemüse. Ich will nicht wachsen, das ist wohl mein Plan. Ich bin nicht öfter krank als die anderen Vier – nur ich habe immer wieder etwas außer der Reihe. Wer braucht schon vier Gehirnerschütterungen? Vielleicht hätte keiner sagen sollen, die ist nicht auf den

Kopf gefallen (also die ist schlau), dann wäre das vielleicht nicht so oft passiert – vier Mal – beim letzten Mal war ich gerade mal Neun.

 

Vier Geschwister, die werfen mich nicht wie bei den Amseln aus dem Nest. Die sind oft genervt, aber sie helfen auch dabei, groß und stark zu werden. Einfach, weil sie

mitreißen, weil sie Vorbild sind, weil sie da sind…

 

Wer hat schon eine ganz persönliche Vorleserin?

Wir! Meine älteste Schwester liest uns Abend für Abend

vor. Was für eine Muse, was für eine Ausdauer. Sie setzt sich neben unser Hochbett und liest Märchen vor. Erst Grimms Märchen – „Schneewittchen“, „Der Froschkönig“…, dann Andersen Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und dann Hauffs Märchen „Kalif Storch“ oder „Der kleine Muck“… Tage, Wochen, Jahre? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob sie immer ein ganzes Märchen gelesen hat. Aber irgendwann hatte sie alle durch.

Heute sind sich viele Pädagogen und Nicht-Pädagogen ja nicht sicher, ob Märchen gut sind für das Kind, weil

Märchen meistens schrecklich und gruselig sind… aber

am Ende gehen doch die meisten Märchen gut aus – das Rotkäppchen und die Großmutter werden vorm bösen

Wolf gerettet, das Rumpelstilzchen gibt der Königin ihr

Kind zurück und, und, und… Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

 

Den Kritikern sei gesagt, dass das Durchleben von gruseligen Stellen bei Märchen und das Wissen, dass es gleich wieder gut wird, auch wenn man noch nicht weiß,

wie das geschehen wird – wer den bösen Drachen

besiegen wird – dass das fürs spätere Leben durchaus

von Vorteil sein kann. Klar, das Leben ist kein Märchen. Aber, wenn man an das Gute, an den guten Ausgang

glaubt, optimistisch denkt und so an manche Sache

rangeht, dann ist das doch allemal besser, als ständig Trübsal zu blasen und zu sagen, die Welt ist schlecht.

Vielleicht sind es gerade die Märchen, das Gefühl der Märchen, deren Sprache, die mich immer dann aus dem Sumpf gezogen haben, wenn das Leben, mein Leben auch an traurige, schwierige Stellen gekommen ist.

 

Ich kann ad hoc gar nicht sagen, welches mein Lieblingsmärchen war oder ist. Klar das Rotkäppchen

kennt man als Kind des schwarzen Waldes – also des Schwarzwaldes - in und auswendig. Ich habe es aber

auch geliebt, wenn sich das Rumpelstilzchen so aufregt, wenn es so wütend wird. Ich möchte mich zwar nicht in Stücke zerreißen, aber dass das Rumpelstilzchen so

wütend werden konnte, das hat mir gefallen – Dieses Temperament kommt mir irgendwie bekannt vor.

 

Bei vielen Märchen – wie zum Beispiel „Die sieben Geißlein“ - kennen wir den Text in- und auswendig, weil wir eine Märchen-Schallplatte davon haben. Da liegen wir dann vor der Musiktruhe auf dem Teppichboden und hören eine Märchen-Schallplatte nach der anderen.

„Tommy und seine Freunde“ ist zwar keine Märchen-Schallplatte, aber wann immer die Stelle kommt, wo

Tommys Freunde aufgeregt rufen „Tommy, der Bär“ rücken wir eng aneinander und sind sehr aufgeregt, obwohl wir ja längst wissen, dass alles gut ausgehen wird!

Ich denke, wir haben davon keinen Knacks gekriegt…

 

Unsere Eltern sind mit uns einmal in den Märchenpark

nach Ludwigsburg gefahren. Da kam ein langer Zopf von einem Turm herunter und eine Stimme sagte „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter“, wenn man auf einen Knopf drückte…

 

Und 1964 waren wir in einem Märchenpark in Niederheimbach am Rhein. Auf den Fotos stehen wir alle stolz und mutig vor irgendwelchen Märchenfiguren. Ich

halte den Hut vom Gestiefelten Kater fest, wir sind um

einen Hasen gruppiert und ich posiere noch locker vor dem Hexenhaus von Hänsel und Gretel. Angst habe ich schon damals nicht gehabt…

Leider ist der Märchenpark oder der Märchenhain, wie er hieß, der in den 1930er Jahren entstanden ist, nicht mehr. Jemand aus dem Ort hat sich die Mühe gemacht und hat einige der Figuren liebevoll restauriert und hat sie an ein steiles Sträßchen im Ort gestellt. Das Haus, durch das

man früher in den Märchengarten rein ist, das steht noch, aber es ist kurz vorm Zerfall. Über dem Eingang steht

immer noch „Es war einmal“.

 

Meine zweitälteste Schwester hat wohl auch nie Angst.

Sie bestimmt gerne – aber sie stellt sich auch wie eine Löwin vor uns, wenn es Stress gibt, wenn irgendwelche Jungens Stress machen. Einmal holt sie mich mit dem

Rad von der Schule – von der Grundschule - ab, weil ich

mal wieder vergessen habe, nach Hause zu gehen. Sie packt mich auf den Gepäckträger und will so mit mir nach Hause fahren. Irgend so ein Depp aus meiner Klasse schneidet uns mit seinem Rad den Weg ab. Wir stürzen.

Mir passiert nix. Sie hat wochenlang ein Gipsbein…     

Zum Geburtstag wünscht sie sich „Kalter Hund“.

Sie hat im Winter Geburtstag, da kann man den gut

machen.

 

Kalter Hund

ist ein Kuchen, der überwiegend aus Kakao-Kokosfett und Butterkeksen gemacht wird. Dazu werden in einer Kastenform Kekse ausgelegt, dann kommt Kakaocreme drauf, dann wieder Kekse, dann wieder Kakaocreme, dann wieder Kekse usw..

Das Rezept vom Kalten Hund ist fast 100 Jahre alt. Es stammt von der Firma, die heute wie damals in den

1920er Jahren Butterkekse herstellt.

Den Namen Kalter Hund hat der Kuchen wegen seiner Form. Die Kastenform ähnelt Grubenhunten. Grubenhunten sind offene, kastenförmige Förderwagen, die im Bergbau eingesetzt werden. Und Kalter Hund heißt er, weil der Kuchen im Kühlschrank so kalt wird, dass man an eine feuchte Hunde-Schnauze denkt.

Dank Hunten war es ab dem 16. Jahrhundert möglich,

mehr zu Tage zu fördern. Bis dahin hat man Tröge, Körbe oder Laufkarren benutzt, um beispielsweise Kohle nach oben zu befördern.

Die Redewendung „Vor die Hunde gehen“ stammt auch

von den Grubenhunten, also den Grubenwagen ab. Wenn Bergmänner schlecht gearbeitet hatten, ließ man sie zur Strafe die Hunte ziehen. Wenn man heute sagt, der geht

vor die Hunde, meint man, den hat das Glück verlassen. Ursprünglich sagte man - der geht vor die Hunte.

 

Egal, was ich esse, ich nehme nicht wirklich zu. Sie nennen mich Schnake, auch Kaninchen, weil ich so ruhig in der Ecke sitzen und einen Asterix nach dem anderen lesen kann…

Ich bin sportlich, ich bin schnell, hole sommers wie winters bei den Bundesjugendspielen die Ehrenurkunde. Ich bin

viel mit den Jungs im Wald unterwegs, messe mich gerne mit ihnen, kenne keine Angst…

Aber ich bin lange nicht so mutig wie mein Bruder und

meine jüngere Schwester. Egal, ob die beiden auf Rollschuhen oder Skiern stehen, oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die beiden sausen, ohne mit der Wimper

zu zucken, jeden Abhang sofort hinunter. Kaum sind sie am Ski-Hang oben aus dem Lift – fahren sie auch schon im Schuss hinunter, während ich brav eine Kurve nach der anderen fahre.

 

Warum ich in der vierten Klasse bei dieser übervorsichtigen Art zu fahren über den Fahrrad-Lenker fliege, an einem kleinen, nicht wirklich steilen Berg, das weiß ich nicht. Bin dann stundenlang bewusstlos, liege später mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Dass meine kleine Schwester neben mir sitzt, bis Hilfe kommt, das finde ich bewundernswert. Das zeigt Verantwortung. Ich wäre bestimmt davon gerannt.

 

Als ich sie zwei/drei Jahre später in Richtung Zehn-Meter-Turm rennen sehe und mir klar wird, dass sie

da rauf und dann da runter springen will  – ihr erstes Mal - da ist mir auch klar, dass ich da jetzt auch rauf und runter muss – mein erstes Mal. Es kann nicht sein, dass sie vor

mir vom Zehn-Meter-Turm springt. Schließlich bin ich die Ältere. Sie tut es aber. Und gleich noch mal und noch mal und noch mal – völlig ohne Angst – einfach mit Begeisterung…

Nun bin ich aber auch todesmutig drauf. Ich gehe, als der Bademeister mit der Pfeife das Zeichen für den nächsten Springer gibt, einen Schritt nach vorne, halte mit die Nase

zu und falle kerzengerade runter – tauche ein – tauche auf, bin froh, dass ich es geschafft habe… ich klettere noch ein- oder zwei Mal rauf und gut ist es fürs Erste…

 

Wäre ich ohne jüngere Schwester da jemals rauf?

Hätte ich einen Motorradführerschein, wenn mein Bruder keinen hätte? 

Haben die Vier sich irgendetwas von mir abgeguckt, ich weiß es nicht –

Aber sie haben mich nicht aus dem Nest geworfen, auch wenn ich sie hin und wieder ziemlich genervt haben muss…

Wer fährt schon gerne in den Schwarzwald mit einer Schwester, die nach der fünften Kurve den Eimer braucht?

Ich fahre auch heute noch nicht gerne hinten mit – mir wird immer noch schnell schlecht!

 

Heute kann ich Gott sei Dank selber fahren - sitze also vorne links -

Als Kind – als kleines Kind durfte ich bei Familienausflügen immer mal wieder vorne in der Mitte auf der Armlehne sitzen…

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© Cornelia Merkel