come - give kids a chance
come - give kids a chance 

Zöpfe ab

den ganzen Tag in Weiß

Was haben wir auf diesen Sonntag hin gefiebert. Haben alles gegeben.

Wir waren überzeugt davon, das Richtige zu tun, endlich dazu zu gehören. Wir haben einen richtigen kleinen Wettkampf durchgeführt. Denn wer die meisten Punkte hat, darf am Weißen Sonntag etwas aus der Sakristei in die Kirche zum Pfarrer tragen. Zwei Mal in der Woche ist Frühmesse – und früh bedeutet morgens um 7 Uhr noch

vor der 1. Schulstunde. Was für mich bedeutet um 6:30 Uhr im Dunkeln los, um meine Punkte oder Striche zu bekommen. Da kommen ziemlich viele zusammen – wobei es meiner Mutter nicht immer Recht ist, dass ich in den Winter- und Schneemonaten mit damals noch acht Jahren so früh im Dunkeln unterwegs bin. Was macht man nicht alles, um Punkte zu bekommen.

Einmal habe ich es wohl nicht gepackt, denn eine Klassenkameradin ist einmal mehr als ich in der Frühmesse. Sie wohnt aber auch näher an der Kirche als ich. Okay, sie hat gewonnen. Sie darf Kerzen oder Wichtiges dem Pfarrer an seine Wirkungsstätte tragen. Ich darf etwas vorlesen im Gottesdienst.

Klar, dass wir alle mächtig aufgeregt sind. Seit Wochen haben wir auch unsere Heiligenbilder mit dem Glitzersilberstaub während des Sonntaggottesdienstes getauscht. So lange bis eine der Nonnen aus der 10. Bank nach vorne zur dritten Reihe kam und uns ganz ordentlich an den Haaren „gezoppelt“ hat. Ganz schön unangenehm und irgendeiner würde das wieder zu Hause den Eltern erzählen. Na ja und es war nicht das erste Mal, dass eine der Nonnen aus dem Klösterle nach vorne kommen

musste. Karten spielen war verboten, Lippenstift und Nagellack zeigen oder eine aus einem Taschentuch gebastelte Maus durch die Bank springen lassen, das rief eine der zwei Nonnen auf den Plan. Und die haben uns dann ganz kräftig an den Haaren gezogen. Was mich gegruselt hat, das waren deren langen schwarzen Barthaare…

 

Ich hatte seit kurzem keine langen Haare mehr. Morgen

für Morgen hat Mama meine dicken Haare gebändigt,

Zöpfe geflochten, während ich versuche, meinen heißen Haferflocken Traubenzucker-Kaba zu trinken. Zöpfe flechten, während das Kind sich bewegt, bedeutet meist

die Zöpfe sitzen nicht parallel – einer ist immer weiter vorne am Kopf, als der andere. Doch zum neu machen ist keine Zeit. Wie soll man aber auch still sitzen, wenn es ziept,

wenn Mama durch die Haare bürstet. Und wie soll ich trinken, wenn sie so feste beim Flechten zieht.

Sie hat es satt. Sie schickt mich zum Frisör, zum Dorffrisör, neben der Grundschule, da wo alle oder fast alle hingehen.

 

Ich gehe da auch gerne hin an diesem Tag, setze mich

voller Erwartung auf den braunen Holzstuhl und der Frisör dreht mich hoch, auf seine Arbeitshöhe.

Ich weiß nicht mehr, wie ich ihm auf diesem Kinderthron

mit meinen acht fast neun Jahren geschildert habe, was

ich so will und wie wenig ich wirklich von ihm haben will.

Er schien nicht zuzuhören, denn innerhalb weniger Minuten lagen meine ganzen dicken Haare am Boden. Da nutzt

alles Heulen und ich sag‘s der Mama zu sagen nichts. Und auch das zu Hause der Mama sagen, nutzt nichts. Sie hat ihn vorab per Telefon über ihre Wünsche informiert.

 

Ich wusste nicht, dass ich als langhaariges Mädel hin gehe und als Kind mit Bubenschnitt wieder rauskomme… Und dann habe ich Kurzhaarschnitt, Kurzhaarschnitt, Kurzhaarschnitt … und an dem mir wichtigsten Tag – dem Weißen Sonntag habe ich als eine der wenigen Mädels

nun einen Jungenschnitt. Das Kränzchen hat man mir jemand so hinter die Ohren gesteckt, dass es richtig blöd aussieht. Den ganzen Tag stecke ich nun im weißen Kleid, mit weißen Strumpfhosen und weißen Schuhen, was hieß mit den anderen Kindern in den Garten oder gar in den

Wald gehen, war verboten, weil ja die Gefahr bestand,

dass ich mich, mein Kleid dreckig machen könnte. Also muss ich den ganzen Tag schön drinnen sitzen und darf mich nicht bewegen…

 

Kurz vor dem Weißen Sonntag muss ich auch einen

ganzen Nachmittag drin bleiben. Ich muss meinen Beichtzettel schreiben. Es ist der Wunsch oder die Order des Pfarrers, dass wir all unsere Sünden aufschreiben sollen, um sie dann im Beichtstuhl bei unserer ersten Beichte vorlesen zu können und anschließend den Beichtzettel gleich dem Pfarrer zu übergeben. Er wollte

sie alle in seinem Kamin verbrennen.

Ich hatte da meine Zweifel, ob er das wirklich tun würde

oder ob er sie in seinem Sessel sitzend an einem Abend

alle noch einmal durchlesen würde. Unsere Schriften

kannte er ja.

Aber bevor er was lesen oder verbrennen kann, muss ich erst einmal die Sünden meines so jungen Lebens zu

Papier bringen…

Und mangels Schreibtisch im Kinderzimmer muss ich das am Küchentisch mehr oder weniger unter den Augen

meiner Mutter machen. Die ist schon irritiert, wie viele

Blätter ich beschreibe - ich habe eben eine große Schrift – und wie lange ich brauche, meine Verfehlungen zu Papier

zu bringen.

 

Bis zu diesem Tag hatte ich keine Sünden – zumindest

hatte ich nicht gewusst, was alles unter sündhaftem Verhalten fiel. Um es leicht zu machen, fange ich bei

Eins – beim Ersten Gebot an und arbeite mich dann durch bis zum Zehnten Gebot durch…

„Du sollst keine fremden Götter neben mir haben“ – habe

ich fremde Götter – lieber mal zugeben, als eine wichtige Sünde vergessen. „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – ob

ich das mit meinem vorlauten Mundwerk immer mache – lieber mal schreiben, dass das wahrscheinlich nicht immer der Fall ist. Jetzt kommt was mit Tieren… die Jungs klebten schon mal ein Bein eines Weberknechtes mit Kaugummi

an der Wand fest. Die Spinne kommt meist nicht mehr davon – außer, sie reißt sich selbst ein Bein aus. Als kleine Maid habe ich die großen Jungs bei ihren Experimenten natürlich bewundert. Dass sie Nacktschnecken – rote Nachtschnecken über Salz kriechen ließen und dass dies dann ne eklige Schleimspur gab, das fand ich dann schon nicht mehr so komisch.

Also mal schnell unter Sünde - Tiere gequält - aufschreiben.

 

Hola und jetzt kommt eine schwierige Frage – Schamhaftigkeit und Keuschheit. Mutter ist noch immer in der Küche zu Gange und ich muss da jetzt wirklich noch durch.

Da schenkt man Kindern Arztkoffer – und hinterher muss man Fragen nach Schamhaftigkeit und Keuschheit beantworten. Natürlich haben wir uns alle mal gegenseitig angeguckt und beim Verbinden auch angefasst. Aber, dass das nun eine Sünde war und irgendwie das Sechste Gebot nun auch das mit den meisten Verfehlungen ist, das ist schon krass. Nun nur noch Siebtes – Achtes – Neuntes

und Zehntes Gebot und schon ist mein Beichtzettel, sind meine Beichtseiten fertig. Mutter hat sich mächtig gewundert. Aber lesen darf sie ihn nicht!

 

Samstagnachmittag die Glocken der Kirche läuten zu

meiner ersten Beichte. Ich bin noch unterwegs – aber

gleich bin ich bei den anderen kleinen Sünderlein. Ganz schön erschreckend, wie viele Sünden ich auf einmal

habe – ob es den anderen auch so geht.

Wir sitzen – eher gekrümmt in der Bank mit unseren

Zetteln und warten, bis wir dran sind. Ich denke jeder von uns fühlt sich schwer an diesem Nachmittag – jedem von uns ist auf einmal klar, dass er schon gesündigt hat. Von jetzt auf gleich wird aus einem unbeschwerten Kinderleben ein schweres Leben, das auf einmal ganz viele schwarze Flecken auf der Seele hat.

 

Die die raus kommen aus dem Beichtstuhl, verkriechen

sich sofort am anderen Ende der Bank und fangen an zu beten. Draußen auf dem Platz vor der Kirche treffen sich bereits die ersten Sünder, denen vergeben wurde.

Ich bin dran. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen.

Ich habe Licht, so dass ich lesen kann – eher flüstern kann, die die noch warten, sollen ja nicht hören, was ich schwerwiegendes zu gestehen habe. Der Beichtsuhl riecht modrigen, wie viele mögen schon beim Sprechen kleine Spucke-Tropfen in Richtung altes Holz geschickt haben – irgendwie riecht es auch, als hätte hier schon manch einer Blut und Wasser geschwitzt. Ich finde der Pfarrer, der sich nun ganz nah an das Gitter beugt, das uns trennt, hat Mundgeruch.

 

Wenn ich hier je wieder raus will, muss ich endlich lesen. Der Pfarrer hört zu, nickt verstehend. Das Sechste Gebot – das mit Schamhaftigkeit und Keuschheit scheint ihn ganz besonders zu interessieren. Er fragt nach – mit wem?

Ohne nachzudenken sage ich, das werden die schon

selber beichten und bin frei raus. Keine Nachfrage.

Dafür gibt es Gebete – „Gegrüßt seist du Maria“ und „Vater unser“ – wie oft – kann ich nicht mehr erinnern. Nur, dass

im Knien gebetet werden muss. War das jetzt viel, was ich gebeichtet habe – hatte einer mehr.

Erleichtert hüpfe ich zu den anderen.

Endlich wieder sündenfrei! Der Weiße Sonntag und die Erste Heilige Kommunion können kommen.

  

Nach der Kommunion waren die Sünden schnell wieder da. Alle vier Wochen treffen sich die Kinder vom Ort in der Kirche zur Beichte. Auch unsere Mutter ist der Meinung, dass wir regelmäßig beichten gehen müssen.

Offensichtlich hat sie Recht. Die Sünden von der ersten Beichte sind fast alle wieder da. Wie kommt’s? Jahrelang nichts, sündenfrei und kaum weiß man, was alles Sünde

ist, hat man auf einmal ziemlich viele Sünden und die

gehen wohl nicht mehr weg…

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© Cornelia Merkel