come - give kids a chance
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Alle Vögel

Vogelflug-Linie Nord-Süd

Alle Stare sind schon da - junge Stare sitzen in etwa einem Meter Entfernung von meinem Wohnzimmerfenster im Holunderbaum. Die Äste biegen sich unter der Last der halbreifen Holunderbeeren nach unten. Die braun-schwarz gefiederten, glänzenden Piep-Matzen sitzen da und machen einen Höllenlärm. Dieser selbstbewusste, energische Gesang der jungen Staren so früh im August ähnelt eher einem lauten Kreischen. Die Erwachsenen kommen erst später und fliegen dann auch erst später gen Süden.

Noch halten die junge Staren und ich so was wie nachbarschaftliches Karaoke-Singen, Pfeifen oder Zwitschern ab.

Als ich dies aufnehmen will, werden sie auf einmal ruhiger, ich spiele eine alte CD von Billy Joel ab. Und da ich das Lied

„She’s always a woman“ so klasse finde, singe ich mit...

 

Auf einmal sind meine Freunde draußen im Holunderbaum auch wieder mit von der Partie, sie halten ziemlich laut dagegen – wollen sie mich übertönen, gefällt ihnen mein Gesang nicht, oder gefällt ihnen das Stück von Billy Joel genauso gut wie mir -

Schon irre – sind ziemlich viele von den kleinen Backgroundsängern aus dem Holunderbaum vor meinem Wohnzimmer mit dabei...

 

Im August 2007 peilen die Vögel auf dem Holunderbaum und rund ums Haus nicht, kapieren nicht, dass ich ihnen eine Vogelfluglinie mitten durch meine Wohnung lege – oder baue, damit sie sich auf ihrem Flug von Nord nach Süd nicht verirren sollen -

 

Mit Wäscheklammern versuche ich eine Linie, nein mehrere Linien durch meine Wohnung zu legen, die es den Vögeln erleichtern soll, die Route bei ihrem Flug die Nord-Süd-Route zu finden.

Sie sitzen in den Bäumen und warten darauf, dass es endlich losgeht.

Ich habe sie verstanden, habe verstanden, dass sie Probleme mit dem Haus haben, in dem ich wohne, da dieses parallel zum Rhein steht und dadurch ihrer Nord-Süd-Fluglinie im Weg steht.

Die Nord-Süd-Problematik ist mir jetzt bekannt. Das Haus hindert

die Vögel. Deshalb sitzen sie jetzt im Kirschbaum, im Nussbaum, auf der Birke, sind völlig irritiert. Ich aber weiß, wie ich ihnen helfen kann. Ich lege meine Holzwäscheklammern mit der V-Öffnung Richtung Fenster.

 

Von der Balkontür, die in Richtung Norden, eher Richtung

Nordwesten geht, lege ich im Abstand von ca. 20 cm eine Klammer nach der anderen durch die Küche, dann durch den Flur, durchs Wohnzimmer bis unters Wohnzimmerfenster.

Da sitzen auch Vögel im Holunderbaum, im Nussbaum – wollen die zurück - zurück nach Norden - Auch sie warten, dass ich etwas tue.

Gut, auch sie sollen ihre eigene Spur auf dem Weg in die Freiheit bekommen. Was aber, wenn Nord-Süd und Süd-Nord nicht ausreicht -

Ich lege auch eine Linie vom Schlafzimmerfenster durch die Küche, den Flur, ins Bad, über die Badewanne zum Badezimmerfenster spanne ich ein Handtuch. Nun dürfte auch der letzte Vogel

verstehen, wie er zu fliegen hat.

 

Jetzt mache ich alle Türen und Fenster auf – nichts passiert.

Habe ich etwas falsch gemacht - Ich prüfe die Linien durch meine Wohnung. Liegen die Wäscheklammern richtig – Nicht gut, dass sich alle Linien im Flur mehr oder weniger kreuzen, das scheint die Vögel zu verwirren. Ich versuche sie, zu entwirren. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mir irgendwer dazwischen mengt, bis ich merke, dass ich mich mehr oder weniger im Kreis drehe. Die Vogelflug-Linie, die aus der Küche kommt und ins Wohnzimmer geht, verheddert sich immer mit der Vogelflug-Linie im Flur, die aus dem Schlafzimmer kommt und ins Bad führt…

 

Das kann ja keiner verstehen. Auch die Vögel nicht - Es kam keiner – Kein einziger nutzt meine Wohnung zum Durchflug, zum Flug nach Süden oder zum Flug nach Norden. Egal, ob ich alle Fenster und Türen gleichzeitig öffne, egal, ob ich Fenster und Türen nur für bestimmte Flugrouten aufmache, sie sitzen auf den Bäumen und gucken nur zu.

Ich versuche es im Wohnzimmer mit Zimt und Zucker, streue beides vor der Heizung aufs Parkett...

Aber auch das bringt sie nicht dazu, durch meine Wohnung zu

fliegen. Dafür bekomme ich später Halluzinationen und sehe auf einmal Gesichter auf dem Parkett, meine gar, dass sich die Gesichter, deren Ausdruck sich verändert – Dabei sind es zufällig entstandene Zimt und Zucker-Gebilde, die mit mehr oder weniger Phantasie Gesichtern ähneln...

 

Ich habe viel Phantasie – ich sehe Hunde, Elefanten, Engel in Wolken… Ein Spiel, das Kinder gerne spielen und manch Erwachsener kriegt das auch hin – mit etwas Phantasie eben. 

 

Wochen später, ich bin längst wieder aus der Klinik zu Hause, sind binnen kurzer Zeit drei Vögel an mein Wohnzimmerfenster und an meine Küchenbalkontür geknallt. Sie haben es Gott sei Dank

überlebt.

Ganz schön ver-rückt, als sie hier durch fliegen sollten, wollten sie nicht. Jetzt, wo die Routen – also die Wäscheklammern - schon seit Wochen abgebaut sind, da wollen drei Vögel kurz hintereinander durch meine Wohnung. Zu spät.

Gut, dass einmal eine Kollegin da war, die dem Piep-Matze sofort

Reiki gegeben hat.

 

Würde ich einem kleinen Vogel Reiki gegeben – wenn ich es denn könnte - dann wäre das sonderbar – wäre das verrückt…

 

Jetzt hängen wieder überall Kristalle an den Fenstern und Ruh ist.

Und dennoch hat sich eine kleine Meise durch die offene Küchenbalkontür in meine Wohnung verirrt und hat sich im Wohnzimmer in der Ecke auf mein CD-Regal gesetzt. Die kleine Meise hat gezittert, ich hab gezittert –

Ich wollt ihr ja nur helfen, dass sie wieder raus findet -

Auf einmal war sie wieder weg.

Für kurze Zeit hatte ich eine Meise, eine kleine Meise – eine echte kleine Meise -

einen Vogel…

 

Im Job – in der Technik - haben wir gut gelacht, als ich die

Geschichte erzählt habe, dass ein Vogel – zwei Jahre nach dem Fluglinienbau auf einmal durch meine Wohnung fliegen wollte.

Alles braucht eben seine Zeit! 

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© Cornelia Merkel