come - give kids a chance
come - give kids a chance 

Wiederholungstäter

Sommer 1996

 

 

Ich wiege 56 Kilo – gut ein Jahr später wiege ich 75 Kilo…  

Meine 12jährige Nichte aus Baden-Baden kommt zu Besuch. Ich

habe ausnahmsweise Spätdienst in der Regie, da ich im Sommer nicht moderieren darf. Dann habe ich ein paar Tage frei. Das Kind kommt nach Mitternacht am Bahnhof an. Ich hole es dort ab.

 

Am nächsten Tag gehen wir zum Italiener essen. Die Welt ist in Ordnung.

Einen Tag später holen wir uns was bei Kentucky Fried Chicken.

Die Welt ist in Ordnung.

Dann auf einmal ist die Welt nicht mehr in Ordnung.

Es geht so schnell, keiner hat etwas gemerkt. Meine Nicht will „Die Satansschüler“ von Lothar Sauer lesen, ein gruseliges Buch, das

ich mir in der 5. Klasse als Preis für sehr gute Leistungen gewünscht hatte. Meine Nichte ist 12, also ein Jahr älter als ich damals.

Ich will nicht, dass sie dieses gruselige Buch liest und auch nicht Stephen Kings „Feuerkind“, das sie sich jetzt dem Bücherregal zieht.

In der Nacht, als sie schläft, packe ich einen Korb mit Büchern, die schlecht, gruselig oder deren Cover gruselig ist – auch einen Krimi von Elizabeth George. Damit gehe ich zum Altpapier-Container.

Keine gute Idee – Eine gute – eine verrückte Idee…

Ich will, dass diese Bücher weg sind, wenn meine Nichte aufwacht. Auf dem Weg zum Papiercontainer knurrt mich ein großer Hund an, der mit seinem Herrchen unterwegs ist. Ob der spürt, dass ich all diesen Schund wegschmeißen will -

Schade um mein Gruselbuch aus der 5. Klasse. War mit Widmung.                              

 

Am Abend will ich mit meiner Nichte bisschen weg. Also fahren wir

mit meinem Auto nach Rüdesheim. Ich will zum Niederwalddenkmal. Statt des normalen Weges, der normalen Straße, fahre ich kreuz und quer durch die Weinberge - durchaus mit System, nach meinem System. Wenn an einer Wegkreuzung ein Rosenstock wächst, fahre ich nach rechts, steht an der Wegkreuzung ein Kreuz, fahre ich nach links. Auf einmal stelle ich mein Auto links am Weg ab und sage zu meiner Nichte, dass wir jetzt zu Fuß gehen. Hinter einem Busch mache ich Pipi, ziehe meinen Slip aus und lege ihn quasi als Markierung ins Gras. Meine Nichte und ich stapfen durch den Wald

in Richtung Niederwalddenkmal. Ich weiß nicht, wie spät es ist, aber es wird immer dunkler. Meiner Nichte wird es mulmig, aber ich bin

mir sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind - wenn es bergauf einen richtigen Weg gibt…

 

Habe ich einen Orientierungssinn – Im wirklichen Leben habe ich davon noch nie etwas bemerkt. Aber wir sind auf einmal am Niederwalddenkmal.

Was für eine Aussicht. Und was für nette Menschen sind an diesem Abend da. Auch fünf Typen aus Amerika. Ich meine, sie kommen

aus Alabama und sie rauchen, wie sich das gehört, sie rauchen Marlboro. Ich habe mit dem Rauchen vor kurzem aufgehört. Vor dieser kitschigen Kulisse - der Vollmond ist aufgegangen und steht jetzt groß und hell am Himmel – da muss ich eine Ausnahme

machen und zusammen mit echten Kerlen aus Amerika eine

Marlboro rauchen. Einer heißt Erwin. Ein Amerikaner, der Erwin

heißt -

Trennt man das Wort „Erwin“ in seine zwei Silben – in Er + win und vertauscht dann die beiden Silben, setzt „Win“ nach vorne und „er“ ans Ende, ergibt das ein völlig neues Wort – „Win-er“. Wenn man

jetzt noch ein „n“ dazugibt, wird daraus das Wort „Winner“. Erwin ist also ein „Winner“ – ein Gewinner.

Was für ein Glück – Wahnsinn...

 

Die Jungs bieten an, uns mit ihrem Auto runter nach Rüdesheim zu nehmen. Wir gehen das dunkle Stück Weg vom Denkmal zum Parkplatz, meine Nichte ist vor mir. Erwin kommt ganz nah an mich ran. Mein „Winner“ will mich, will meinen Körper. Gut, dass ich

keinen Slip mehr anhabe, ich muss nur mein langes, schwarzes Baumwollkleid raffen.

Der wohl schnellste Quicky der Welt…

 

Auf dem Parkplatz bleiben zwei der Jungs zurück. Dafür fahren

meine Nichte und ich mit runter nach Rüdesheim. Wir verabreden

uns in dem Lokal, in dem meine Nichte und ich vor dem Ausflug zum Niederwalddenkmal gegessen haben. Ich will da aber gar nicht hin. Meine Nichte versteht nicht, ich weiß, dass wir die Jungs nicht wiedersehen sollten.

 

Wir gehen zu „Hannelore“, eine Gaststätte in der Drosselgasse. Wir essen Pommes und Spareribs, trinken Cola und Bier und beobachten die tanzenden Paare. Das also ist die berühmte Drosselgasse.

Teuer essen und Walzer oder Foxtrott tanzen. Lustige Klos gibt es

bei „Hannelore“. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Alles ist rot, gelb, grün und blau und die Männer urinieren in abgetrennten Boxen – auch in grün, gelb, rot und blau. Gefällt mir sehr gut. Bin ja als Kind immer zuerst aufs Klo, gucken wie es da aussieht und erst dann habe ich Essen bestellt. Also bei Hannelore würde ich jederzeit Essen bestellen, nachdem ich die Klos gesehen habe.

 

Nach „Hannelore“ erkunden wir weiter die Drosselgasse. Da die Kneipe „Überflieger“ oder ist es eine Disco. „Überflieger“ das klingt lustig, da will ich rein. Trinke den ersten „Feigling“ meines Lebens. Habe nicht gewusst, dass man sich den fliederfarbenen Deckel auf die Nase setzen muss, bevor man trinkt. Tipp von meiner Nichte.

 

Ich gehe ich mit einem Holländer zu den Klos. Er will mir etwas zeigen, er will mir zeigen, wie er sich einen runterholt...

Kaum gekommen, will er auch schon weg. Ich will mit auf seinen Kahn. Das ist jetzt zu viel für ihn. Schnell macht er sich auf und

davon zu seinem Schiff, das irgendwo vor Rüdesheim vor Anker liegt...               

Ich versuche zu folgen.

 

Auf dem Weg zum Rhein verliere ich meine Nichte. Will ich sie verlieren -

Was es zu tun gilt, das muss ich alleine tun. Ich verstecke mich in einem riesigen Rohr, das Wasser zum Rhein führt.

Breitbeinig stelle ich mich über das dahin fließende Nass und mache Pipi im Stehen. Ich ziehe einfach mein Kleid hoch und lasse es

laufen. Mein Urin vermischt sich mit dem kleinen Baches und fließt

so in den Rhein. Da ist jetzt was von mir drin, ich hab da im Stehen reingepinkelt und keiner hat es gemerkt, weil ich es im Verborgenen im Schutz des Rohres gemacht habe. Ich habe den Rhein

verunreinigt oder habe ich ihm etwas von mir gegeben - je nachdem, wie man es sehen will.

Wenn Freud noch leben würde, der würde nicht vom Penisneid, sondern vom Piss-Neid sprechen…

 

Ich komme wieder aus meinem Versteck, meine Nichte ist nirgends

zu sehen. Ich nehme nur die vielen Züge wahr, die am Morgen durch Rüdesheim rauschen – überwiegend Güterzüge...

Es fahren schon wieder viele Güterzüge, alle nach Norden, denke ich. Kann ich etwas dagegen tun -

 

Wenn die rot-weißen Schranken am Fußgänger-Bahnübergang hoch gehen, springe ich über die Gleise – hin und her. Ich will den Bann brechen, den Güterzügen Einhalt gebieten, den Menschen im

Inneren dieser Waggons wieder die Freiheit geben. Um das Ganze

zu verstärken, lege ich meinen wertvollen Ring, den ich erst ein paar Monate besitze, quasi als Pfand in die Mitte eines großen braunen Eisenrings, an dem früher – vielleicht auch heute noch - Schiffstaue festgemacht wurden/bzw. werden. Das Pfand und das Hüpfen über die Gleise werden helfen, werden befreien.

 

Bevor die Schranken wieder runter gehen, muss ich sicher an der Seite stehen und auf den Einsatz für meine nächste Aktion warten.

Es herrscht reger Zugverkehr auf der rechten Rheinseite, die Schranken gehen ständig rauf und runter, was die Arbeit, meine Aufgabe, ziemlich erschwert.

Aber ich habe Erfolg.

 

Ein Güterzug fährt noch nach Norden, da habe ich es wohl noch

nicht geschafft, aber in der nächsten Minute fährt ein Personenzug von Nord nach Süd an mir vorbei. Ich sehe lauter Menschen, die fröhlich aus den Fenstern gucken. Sie scheinen zu verstehen. Es

geht zurück nach Hause, zurück in die Freiheit. Der nächste Zug, ein Güterzug, kommt zwar wieder von Norden, es ist aber ein Güterzug, der neue Fahrzeuge transportiert. Was für ein Glück, denn die Menschen in Freiheit brauchen einen fahrbaren Untersatz. Ich muss sofort weiter machen, wenn sich die Bahnschranken wieder öffnen.

 

Auf einmal sagt meine innere Stimme, Zeit aufzuhören und zu

einer Kneipe laufen. Ich höre den Satz - der Täter kehrt immer

an den Tatort zurück

Ich hole meinen Ring – mein Pfand - aus dem rostigen Eisenring

und mache mich davon. Meine Anstrengungen waren ja sichtbar von Erfolg gekrönt…

In der Kneipe, zu der ich will, hat vor Jahren ein Amoklauf begonnen. Ich musste damals als Reporterin darüber berichten. Ich erinnere mich auch jetzt an das viele, viele Blut vor dem Lokal. Ein Gast hatte völlig unvermittelt ein großes Messer gezogen, dem Wirt damit in

den Hals gestochen. Dann war er in Richtung Rhein davon gerannt…

 

Ohne Frühstück, ohne einen einzigen Schluck Kaffee war ich damals zum Ort des Geschehens gefahren. Es gab viel Ärger in der Redaktion, einen guten, emotionalen Beitrag und am Ende dann

doch viel Lob...

 

Ich bin also an dem Morgen im August auf dem Weg zu diesem

Lokal und gerade, als ich dort ankomme, biegt mein Freund mit seinem Auto um die Kurve. Das ist ja komisch. Nirgends hätte der mich an diesem Morgen gefunden. Weder beim Pinkeln im Stehen in dieser Röhre, deren Wasser in den Rhein führt, noch beim Hüpfen über die Gleise.

 

Und da kommt mein Freund also um die Ecke, nachdem ich gedacht hatte, der Täter kehrt immer zum Tatort zurück. Wer war nun der

Täter – er oder ich? Oder hatten wir Beide einfach so gute Vibration, dass ich wusste, dass er im Anflug war und dass ich hier nur auf ihn warten musste…  

 

Ich steige zu ihm in seinen Wagen. Er will wissen, wo mein Auto ist. Gut, das holen wir jetzt, sagt er. Als er merkt, was für einen Zickzack-Kurs wir durch den Weinberg fahren, glaubt er wohl kaum, dass wir mein Auto je wieder finden. Und er denkt wohl auch, dass ich ihn verarsche.

Ich bin konzentriert. Rose bedeutet rechts, Kreuz heißt links vorbei. Das hat doch alles System hier. Ich muss mich nur daran erinnern.

Und – Plötzlich kommen wir zu meinem Auto. Jetzt nur noch unauffällig den Slip holen. Ich gehe an den Platz vom Abend zuvor und siehe da, der Slip ist noch da. Ich ziehe ihn an, als wäre nichts geschehen, setze mich dann in mein Auto und fahre langsam hinter meinem Freund her nach Wiesbaden zurück.

 

Meine Nichte ist da. DJ und Barkeeper aus der Disco „Überflieger“ haben sie hierher gebracht. Sie hatte ihre Mutter schon angerufen. Und so sind meine Schwester und mein Bruder sofort in

Baden-Baden losgefahren.

 

Ich gehe mit meinem Bruder zusammen los, Brötchen fürs Frühstück zu kaufen. Meine Nichte schläft und mein Freund telefoniert wütend

in seinem Arbeitszimmer, dost erst meine Psychiaterin ein, was das denn nun schon wieder soll, dann rede ich am Telefon mit irgendeinem Heinz – seines Zeichens auch Psychiater – von dem ich mir nichts sagen lasse.

Da ist auf einmal eine Frau bei uns in der Wohnung, eine Amtsärztin. Die stellt ziemlich viele Fragen. Ich spiele PUR und bei dem Stück „Hör gut zu – du bist mein Glück“ gebe meinem Bruder einen Kuss

auf den Mund. Mein Freund ist noch immer wütend in seinem Arbeitszimmer. Irgendwann kommt er dann doch zu uns und sagt so was wie - Ich habe das schon mal gemacht, ich mache das nicht

noch einmal. Dieses Mal macht ihr das…

 

So bringen meine Schwester und mein Bruder mich in die Klinik – in die HSK. Ich lotse sie aber in Richtung Fanstasialand. So ein Ausflug zu dritt, das hat doch was. Sie merken es. Mein Bruder fragt einen Busfahrer nach dem Weg. Und der sagt leider den richtigen Weg.

 

Der Arzt in den HSK ist stinksauer, weil ich mein Mineralwasser auf eine Matratze laufen lasse. Was für eine Sauerei, die brauchten sie für mehr Patienten als nur für mich. Was für eine Sauerei, finde auch ich. Wie viele Patienten sollen sich auf diese Matratze legen, bis ihre Formalitäten geregelt sind -

In meinem Fall ist für diesen Arzt recht schnell klar. Ich bin kein Fall für hier, kein Fall für die HSK – die Dr. Horst-Schmitt-Kliniken in Wiesbaden.

Wieso nicht - ich kenne doch die Station. Ich weiß genau, wo ich hin gehen müsste.

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© Cornelia Merkel